Klimastress auf dem Acker, Politik unter Zugzwang
Die deutsche Landwirtschaft blickt auf eine schwierige Ernte 2026 zurück. Nach Schätzung des DBV wird die Getreideernte mit 41,9 Millionen Tonnen deutlich unter dem Vorjahresergebnis von 45,2 Millionen Tonnen liegen. Trotz einer leicht ausgeweiteten Anbaufläche gingen die Erträge spürbar zurück. Ausschlaggebend waren vor allem ein außergewöhnlich trockenes Frühjahr und eine Hitzewelle Ende Juni, die viele Bestände genau in der empfindlichen Kornfüllungsphase traf und regional zu Notreife führte. Besonders auffällig sind die großen regionalen Unterschiede. Während einige Regionen von ausreichenden Niederschlägen profitieren konnten, litten vor allem Süd- und Westdeutschland unter anhaltender Trockenheit. „Der Standort hat in diesem Jahr über den Ertrag entschieden wie selten zuvor“, fasst DBV-Präsident Joachim Rukwied die Situation zusammen. Die Ernte 2026 verdeutlicht damit einmal mehr, wie stark die Landwirtschaft von zunehmenden Wetterextremen betroffen ist. Hitzetage und Extremwetterlagen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich gehäuft, was die Ertragssicherheit vieler Kulturen zunehmend unter Druck setzt.
Ertragsverluste beim Winterweizen
Am deutlichsten zeigen sich die Auswirkungen beim Winterweizen, der mit rund 2,9 Millionen Hektar die wichtigste Ackerbaukultur Deutschlands bleibt. Die Erntemenge wird auf 20,9 Millionen Tonnen geschätzt und liegt damit sieben Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Hitze während der Kornfüllung führte vielerorts zu kleineren Körnern und geringeren Erträgen. Auch die Qualitäten fallen regional sehr unterschiedlich aus. Bei der Wintergerste konnten die Auswirkungen der Witterung teilweise abgefedert werden, da die Bestände vor der Hitzewelle bereits weitgehend ausgereift waren. Mit 9,5 Millionen Tonnen bewegt sich die Erntemenge auf dem Niveau des Vorjahres.
Witterungsstress und Schädlingsdruck bei Winterraps
Ebenfalls besonders hart getroffen wurde der Winterraps. Die Erträge brachen gegenüber dem Vorjahr um rund 20 Prozent ein und liegen bei durchschnittlich 29,1 dt/ha. Neben Hitze und Trockenheit belasteten regional auch Schädlingsdruck sowie die schwierige Situation bei der Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln die Bestände. Die Erntemenge wird auf nur noch 3,3 Millionen Tonnen geschätzt. Damit zeigt sich erneut, wie empfindlich einzelne Kulturen auf die Kombination aus Witterungsstress und eingeschränkten Bekämpfungsmöglichkeiten reagieren.
Schlechte Aussichten für Kartoffeln und Zuckerrüben – weitere Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade
Auch bei Kartoffeln und Zuckerrüben zeichnen sich vielerorts enttäuschende Ergebnisse ab. Selbst auf beregneten Flächen werden häufig nur durchschnittliche oder unterdurchschnittliche Erträge erwartet. Bei beiden Kulturen verschärft die zunehmende Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade die Situation. Der Schädling breitet sich inzwischen bundesweit aus und verursacht erhebliche Probleme.
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Die Preise für Stickstoffdünger haben sich seit Anfang 2026 erneut deutlich erhöht. Für viele Ackerbaubetriebe steigen damit die Kosten für Aussaat und Düngung der Ernte 2027. Dies belastet die ohnehin angespannte Liquidität der Betriebe zusätzlich.
Begrenzte Preisperspektiven für europäische Landwirte
Auch im europäischen und internationalen Umfeld bleibt die Lage angespannt. Die EU-Kommission hat ihre Getreideernteprognose zuletzt auf 273,7 Mio. Tonnen nach unten korrigiert. Besonders bei Weizen und Gerste wurden die Erwartungen infolge von Hitze und Trockenheit deutlich reduziert. In Frankreich wird die Weizenernte nur noch auf rund 32 Mio. Tonnen geschätzt, während die Maisernte auf den niedrigsten Stand seit Anfang der 1990er Jahre zurückfällt. Trotz der wetterbedingten Ertragseinbußen in Teilen Europas bleibt der Weltmarkt insgesamt knapp ausreichend versorgt. Hohe Ernten und Exportmengen aus Russland sowie umfangreiche Produktionserwartungen in anderen wichtigen Erzeugerländern begrenzen die Preisperspektiven für europäische Landwirte.
Engpässe bei der Futterversorgung
Sorgen bereitet den deutschen Betrieben die Futterversorgung. In vielen Grünlandregionen sind die Folgeaufwüchse nach den ersten Schnitten weitgehend ausgeblieben. Gleichzeitig zeigen sich beim Silomais bereits erhebliche Ertragseinbußen. Landesverbände haben deshalb teilweise Futterbörsen eingerichtet, um besonders betroffene Tierhalter zu unterstützen. Sollte die Trockenheit weiter anhalten, drohen in einzelnen Regionen Engpässe bei den Winterfuttervorräten und eine weitere wirtschaftliche Belastung der Betriebe.
Hinzu kommt die angespannte wirtschaftliche Situation. Niedrigere Erträge treffen auf weiterhin hohe Kosten für Betriebsmittel wie Energie, Dünger und Pflanzenschutz. Damit verschärft sich die finanzielle Lage zahlreicher Höfe zusätzlich.
Die Ernte 2026 macht deutlich, vor welchen Herausforderungen die Landwirtschaft steht. Wetterextreme, zunehmender Schädlingsdruck und steigende Produktionsrisiken treffen auf einen wirtschaftlich ohnehin angespannten Sektor. Für viele Betriebe wird daher entscheidend sein, ob es gelingt, die notwendige Liquidität für die Aussaat und die nächste Produktionsrunde sicherzustellen.
Wer Ernten sichern will, muss die landwirtschaftlichen Betriebe stärken!
Die diesjährige Ernte zeigt schonungslos die Grenzen einer Agrarpolitik auf, die den Betrieben immer neue Auflagen auferlegt, ihnen aber gleichzeitig wichtige Werkzeuge für eine erfolgreiche Produktion entzieht. Angesichts zunehmender Wetterextreme braucht der Ackerbau nicht weitere Belastungen, sondern verlässliche politische Rahmenbedingungen. Dazu gehören wettbewerbsfähige Energie- und Betriebsmittelkosten, der Zugang zu wirksamen Pflanzenschutzlösungen, innovationsfreundliche Züchtungsverfahren sowie schnelle Liquiditätshilfen für wirtschaftlich besonders betroffene Betriebe. Nur so kann die heimische Pflanzenproduktion ihre zentrale Rolle für Ernährungssicherung, Klimaanpassung und Wertschöpfung im ländlichen Raum auch künftig erfüllen.
Torsten Krawczyk ist Vizepräsident des DBV und Vorsitzender des DBV-Fachausschusses Getreide.