Ohne starke Gemeinsame Agrarpolitik steht die Versorgungssicherheit auf dem Spiel!
Die deutsche Landwirtschaft steht unter Druck. Trockenheit, Hitzewellen und rückläufige Erträge belasten viele Betriebe wirtschaftlich massiv. Gleichzeitig wachsen die Sorgen um die Futterversorgung und die Zukunft ganzer Produktionszweige wie der Schweinehaltung. Im Interview erläutert DBV-Präsident Joachim Rukwied, welche Unterstützung Landwirte kurzfristig benötigen, wie sich die Branche an die Folgen des Klimawandels anpassen kann und warum Innovationen, weniger Bürokratie und verlässliche politische Rahmenbedingungen entscheidend sind. Zudem erklärt er, weshalb eine starke Gemeinsame Agrarpolitik für Ernährungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und die strategische Resilienz Europas unverzichtbar ist.
Die diesjährige Ernte hatte es erneut in sich. Welche Bilanz ziehen Sie?
DBV-Präsident Joachim Rukwied: Die vielerorts anhaltende Trockenheit und die wiederkehrenden Hitzewellen haben der Landwirtschaft regional massiv zugesetzt. In Folge haben wir nur eine unterdurchschnittliche Getreideernte eingefahren. Die deutlich niedrigeren Erträge in Verbindung mit den niedrigen Erzeugerpreisen auf der einen Seite, und den hohen Kosten für Betriebsmittel, wie zum Beispiel Diesel, Pflanzenschutz- und -Düngemittel auf der anderen Seite, belasten die Liquidität vieler Betriebe enorm. Nicht wenige Betriebe brauchen Sonder- oder Zwischenfinanzierungen zur Sicherung der Liquidität und zum Fortbestand des Betriebes. Große Sorgen bereiten mir zudem die Herbstkulturen und die Futterversorgung. In vielen Regionen sind die Erträge beim Grünland deutlich eingebrochen und vor allem auch beim Silomais sind erhebliche Ertragsausfälle sichtbar. In besonders betroffenen Regionen wie beispielsweise in Baden-Württemberg und Bayern ist nach den ersten Schnitten kein Gras auf dem Grünland mehr nachgewachsen. Für die Tierhalter bedeutet das enorme Herausforderungen – sowohl bei der aktuellen Versorgung ihrer Tiere als auch beim Aufbau ausreichender Winterfuttervorräte.
© Dr. Anni Neu
Die Ernteabschluss-Pressekonferenz des DBV im Haus der Land- und Ernährungswirtschaft in Berlin im August 2026 war außergewöhnlich stark besucht. Alle Leitmedien haben über die Ergebnisse aus der Pressekonferenz berichtet, ebenso haben die Sozialen Medien das Thema Ernte umfassend aufgegriffen.
Welche Unterstützung brauchen die Landwirte jetzt?
Rukwied: Wir brauchen drei wesentliche Sofortmaßnahmen, die die Landwirte entlasten und die dringend benötigte Liquidität der Betriebe wiederherstellen. Dazu gehört die EU-Düngemittelbeihilfe, diese muss von 60 Millionen für Deutschland auf 180 Millionen Euro aufgestockt und direkt an die Landwirte ausgezahlt werden. Eine weitere unverzichtbare Maßnahme ist die vorzeitige Auszahlung von mindestens 80 Prozent der Direktzahlungen bereits im Oktober. Selbstverständlich muss sichergestellt sein, dass im Dezember vollständig ausgezahlt wird. Zudem muss die Steuer auf Diesel bis mindestens Ende November deutlich gesenkt werden.
Der Klimawandel hat sich manifestiert, das Wetter wird immer mehr zum unkalkulierbaren Risiko. Was kann die Landwirtschaft selbst tun?
Rukwied: Das Klima verändert sich seit Millionen von Jahren. Darauf müssen wir reagieren, zum einen durch Klimaschutz über CO2-Reduktion und CO2-Speicherung. Zum anderen mit Klimaanpassung, beispielsweise durch vielfältigere Fruchtfolgen, wasserschonende Verfahren wie Mulchsaat und Direktsaat oder durch Baumstreifen, die ein anderes Mikroklima schaffen. Zudem brauchen wir Innovationen, darunter hitzetolerantere und widerstandfähige Sorten, beispielsweise über die Neuen Züchtungsmethoden. Innovationen brauchen jedoch mehr unternehmerische Freiheit und weniger Reglementierung. Nur wirtschaftlich wettbewerbsfähige Betriebe werden Versorgungssicherheit, Klimafolgenanpassung und Klimaschutz vereinbaren können. Dazu braucht es den Aufbau einer einzelbetrieblichen Risikovorsorge für Wetter- und Marktkrisen durch eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage oder auch eine mögliche Einführung von Mehrgefahrenversicherungen in der GAK. Letztendlich muss auch der Bürokratieabbau, bei dem sich bislang wenig bewegt hat, konsequent vorangetrieben werden, um Kosten zu senken. Alle Auflagen und Anforderungen müssen auf den Prüfstand. Von der Politik erwarte ich aber vor allem auch, dass es in dieser dramatischen Zeit insbesondere zu keinerlei Kürzungen im Agrarbereich kommt.
© Dr. Anni Neu
Rund um die Abschluss-Pressekonferenz gab Präsident Joachim Rukwied zahlreiche Interviews zur Ernte.
Der Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) ist die Grundlage für die zukünftige GAP. Was fordern Sie?
Rukwied: Wir erwarten von der Bundesregierung ein klares Bekenntnis für eine starke und verlässliche GAP-Finanzierung. Der Gesetzentwurf muss grundlegend nachgebessert werden. Wir brauchen ein eigenständiges, verlässliches und inflationsfestes Agrarbudget in Höhe von 500 Milliarden Euro, um die Zukunftsfähigkeit der deutschen und europäischen Landwirtschaft abzusichern. Die GAP ist keine Einsparreserve, sondern sie ist die systemrelevante europäische Sicherheitspolitik für Einkommenssicherung, Marktstabilisierung und die Stärkung der ländlichen Räume. Sie ist unsere Versicherung für die heimische Nahrungsmittelversorgung, die in geopolitisch unsicheren Zeiten gleichermaßen fokussiert werden muss wie unsere Verteidigungsfähigkeit. Kurzum: Versorgungssicherheit, Ernährungssouveränität und die strategische Resilienz Europas müssen oberste Politikziele sein. Deshalb braucht der nächste MFR eine starke, eigenständige und verlässlich finanzierte Gemeinsame Agrarpolitik. Es macht mir große Sorgen, dass unsere Bundesregierung diesen Zusammenhang ganz offensichtlich noch nicht verinnerlicht hat.
Eine dramatische Situation hat sich in der deutschen Schweinehaltung entwickelt. Sie fordern von der Politik ein „Überlebenspaket“. Welche Eckpunkte enthält es?
Rukwied: Die Marktlage ist so prekär, dass es für viele Betriebe ums nackte Überleben geht. Das Überlebenspaket sieht daher kurzfristige und breit wirksame Maßnahmen vor, um die heimische Schweinehaltung in der aktuellen außerordentlichen Marktkrise zu unterstützen. Neben den drei Sofortmaßahmen zur unbürokratischen Liquiditätssicherung könnte die Ausweitung des Sonderprogramms zur Liquiditätssicherung der Landwirtschaftlichen Rentenbank eine Option sein. Für den Umbau des Deck- und Abferkelzentrums müssen die Übergangsfristen an die noch zu beschließenden EU-weiten Fristen angepasst werden. Zudem muss der Umbau, der deutlich über EU-Niveau hinausgeht, mit einem nationalen Sonder-Förderprogramm Sauenhaltung unterstützt werden. Schließlich muss die erfolgreich gestartete Exportstrategie des BMLEH forciert werden.
Interview: Dr. Anni Neu