Die reine Lehre führt rein ins Leere - Warum der Öko-Landbau mehr Pragmatismus braucht – und weniger Dogma
Im Jahr 2025 sind fast 10 % der deutschen Milchviehhalter aus der Zertifizierung ausgestiegen. Dies geschieht in einer Zeit, in der die Molkereien händeringend nach Öko-Milch gesucht haben - und immer noch suchen. Der Grund dafür sind praxisferne EU-Vorschriften und deren noch praxisfernere Auslegung. Dabei treiben ausgerechnet jene, die den Ökolandbau am reinsten halten wollen, ihn absehbar in die Krise.
Die politischen Ziele klingen nach wie vor ambitioniert: 25 bis 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche sollen ökologisch bewirtschaftet werden. Die Realität geht jedoch europaweit in die entgegengesetzte Richtung. Auch in Österreich, Frankreich und Dänemark schrumpfte die Öko-Milchviehhaltung in nur vier Jahren um bis zu 15 Prozent - übrigens auch hier weitestgehend aufgrund der Weidepflicht. Ab 2030 drohen weitere massive Einschnitte in der Geflügelhaltung. Die politisch gewünschte Ausweitung des Öko-Landbaus wird so nicht nur verfehlt – sie verkehrt sich ins Gegenteil.
Das Paradox der reinen Lehre
Die Ironie könnte dabei größer nicht sein: Gerade jene Auflagen, die den Öko-Landbau in seiner reinsten Form bewahren sollen, untergraben seine Existenzgrundlage, weil sie zur Reduktion der Tierhaltung auf den Betrieben führen. Und damit auch zu Problemen auf dem Acker. Eine Ende 2025 veröffentlichte Studie des Thünen-Instituts zeigt, was passiert, wenn Betriebe keine funktionierenden Nährstoffkreisläufe aufbauen können. Bei Öko-Ackerbaubetrieben mit geringer Tierdichte steigt das Risiko eines schleichenden Humusverlustes – jenes Bodenkohlenstoffs, der als wichtigster Indikator für Bodenfruchtbarkeit gilt. Die Studie ist dabei keineswegs ein Beleg dafür, dass die ökologische Landwirtschaft zwangsweise scheitern wird. Sie ist aber ein deutliches Warnsignal: Wo Kreisläufe nicht geschlossen werden können – ob durch Tierhaltung, Biogas oder regionale Kooperationen – droht langfristig der Substanzverlust. Ohne ausreichende Nährstoffrückführung sinken die Erträge, weniger organisches Material gelangt in den Boden, der Humus baut sich ab. Die Kernfrage lautet also nicht, ob der Öko-Landbau funktioniert kann, sondern ob man ihn funktionieren lässt.
Weide-Dogma statt Pragmatismus
Besonders gut zu erkennen ist das aktuelle Dilemma am Beispiel der Weidepflicht im Öko-Landbau. Die sehr starre Auslegung der entsprechenden Teile in der Öko-Basisverordnung ignoriert betriebliche und regionale Realitäten. Wer moderne Tierwohlkonzepte mit Laufhöfen und Außenklimaställen entwickelt hat – nachweislich gut für die Tiere – wird nicht belohnt, sondern bestraft. Die Hüter der reinen Lehre haben entschieden, dass nur die Weide zählt, egal ob sie vor Ort überhaupt praktikabel ist oder ob sie tatsächlich zum Tierwohl beiträgt. In der Geflügelhaltung wird es ab 2030 noch absurder. Hier sollen Küken Grünauslauf erhalten – trotz erheblicher Risiken durch Beutegreifer, Krankheitserreger und Witterung. Das Parasitenproblem verschärft sich durch starre Auslaufvorgaben, während gleichzeitig die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt wurden. Tierschutz wird gegen Tierschutz ausgespielt – im Namen eines Ideals, das die Praxis ignoriert.
Alternativen werden blockiert
Nun ist die Tierhaltung zwar gewissermaßen der natürlichste Weg zur Kreislaufwirtschaft – aber nicht der einzige. So kann Biogaserzeugung Leguminosen-Biomasse sinnvoll verwerten und regionale Kooperationen zwischen ökologischen und konventionellen Betrieben könnten Nährstoffkreisläufe ebenfalls schließen. In weiten Teilen Europas ist diese Form der Zusammenarbeit längst üblich und nach EU-Öko-Verordnung zulässig. Doch für die Verfechter der reinen Lehre riecht auch das nach Kompromiss – und Kompromisse sind verdächtig. Statt verschiedene Wege zur Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen, werden sie behindert. Die Biogaserzeugung befindet sich aufgrund reduzierter Fördersätze im Rückgang. Regionale Nährstoffkooperationen scheitern an administrativen Hürden bzw. sorgen für deutliche Preisabschläge, weil die Ware dann „nur noch“ als EU-Öko vermarktbar ist. Die Regulierung erschwert also nicht nur die Tierhaltung, sondern blockiert gleichzeitig die Alternativen. Am Ende steht ein Rückgang der ökologischen Produktion und auch der Fläche, womit für niemanden etwas gewonnen ist.
Zeit für Pragmatismus
Zwar hat die EU-Kommission angekündigt, zukünftig pragmatischer vorgehen zu wollen. Die zum Jahresende 2025 angebotenen Verbesserungen im Öko-Geflügelrecht reichen jedoch bei weitem nicht aus.
Es braucht eine grundlegende Kurskorrektur:
- Flexible Tierhaltungsregeln, die moderne Tierwohlkonzepte anerkennen,
- Investitionssicherheit über realistische Amortisationszeiträume,
- echte Verfahrensoffenheit in der Kreislaufwirtschaft und
- die Bereitschaft, pragmatische Lösungen nicht als Verrat am Ideal zu betrachten.
Der Zeitpunkt zum Handeln ist jetzt. Nicht in einigen Jahren, wenn die Strukturbrüche bereits Realität geworden sind. Der ökologische Landbau kann seine Versprechen halten – Artenvielfalt, Bodenschutz, geschlossene Kreisläufe. Aber das geht nur mit Pragmatismus, nicht mit starren Dogmen. Sonst geht’s mit Volldampf zurück in die Nische!