Fleisch

Turbulente Zeiten

Entwicklungen an den Eier und Geflügelmärkten: Eine Vielzahl von Faktoren wirken auf die deutschen Geflügelmärkte ein, die derzeit turbulente Zeiten durchleben. Die Geflügelpest, der Ukrainekrieg, die Energieverknappung sowie die explodierten Futtermittelpreise seien hier nur exemplarisch benannt. Ganz zu schweigen von dem inflationsbedingt veränderten Verbraucherverhalten und den pandemiebedingt verschobenen Lieferketten. Angesichts dieser Umstände steht die Frage nach der Rentabilität der Produktion allgegenwärtig im Raum.

Geflügelfleischproduktion leicht gesunken

Für 2022 wird in Deutschland ein leichter Rückgang der Bruttoeigenerzeugung von 0,5 Prozent auf ca. 1,8 Mio. Tonnen erwartet. Während die Produktion von Hähnchen 2022 noch leicht das Vorjahresniveau übertraf, sank die Erzeugung am Putenmarkt. Hier waren die Auswirkungen der Aviären Influenza (AI) sowie die daraus resultierenden Keulungen und Wiedereinstallungsverbote massiv spürbar. Mittlerweile werden 90 Prozent der in Deutschland gehaltenen Hähnchen und Puten im Rahmen der Initiative Tierwohl gemästet. Der für 2022 errechnete Pro-Kopf-Ver-brauch von 21,8 kg Geflügelfleisch in Deutschland sinkt im Vergleich zu 2021 nochmals um 0,1 kg. Insgesamt wurden Kalkulationen zufolge in 2022 etwa 1,815 Mio. t Geflügelfleisch in Deutschland verbraucht.

Inflation deutlich spürbar

Der starke Preisanstieg für Nahrungsmittel ist neben den hohen Energiekosten weiterhin ein wesentlicher Grund für die derzeit hohe Inflationsrate. Die Preise für Fleischwaren stiegen binnen Jahresfrist um 19,9 Prozent an. Bei Geflügelfleisch stiegen die Preise mit 32,6 Prozent überdurchschnittlich an – bei Rindfleisch waren es dagegen 21,0 Prozent, bei Schweinefleisch 20,3 Prozent. Auf Ladenstufe griffen Verbraucher daher eher zu niedrigpreisigen Produkten. Dies führte am Hähnchensektor zu einer lebhaften Nachfrage nach Knochenprodukten wie Schenkeln, während Hähnchenfilet stärker vernachlässigt worden ist. Für Brustfleisch tendierten die Großhandelspreise etwas nach unten, während sie für Schenkel stabil blieben. Am Putenmarkt wurden Rotfleischartikel stark beworben und nach-gefragt. Auch wurden eher selten offerierte Teilstücke wie Putenhälse angeboten.

Erstmaliger Rückgang seit 2010

Die in Deutschland endemisch gewordene Aviäre Influenza wirkt sich mittlerweile massiv auf die Legehennenbestände aus. Für 2023 wird in Deutschland ein Rückgang von 33 Prozent auf rund 31,4 Mio. Legehennen prognostiziert. Gab es im letzten Jahr noch 17 Brütereien in Deutschland, so gibt es inzwischen nur noch 9, was zu deutlich weniger geschlüpften Küken führt. Die Preise für Junghennen haben sich um mehr als 90 Prozent auf über 10 Euro erhöht. Das führt dazu, dass sich Schätzungen zufolge die Zahl der gemauserten Herden mit 15 Prozent mehr als verdoppelt hat. Auch die Lebensdauer der Hennen liegt inzwischen teilweise über 100 Wochen. Mit 10 Prozent weniger Schlachtungen von Althennen von Januar bis September dieses Jahres – im Lebensmitteleinzelhandel als Suppenhuhn zu finden – wird dieser rückläufige Trend noch untermauert.

Bei der deutschen Konsumeierproduktion wird ein Rückgang von ca. 4 Prozent auf 14 Mrd. Eier erwartet. Das wäre der erste Rückgang seit dem Jahr 2010, als in Deutschland das Käfighaltungsverbot griff. Der jetzige Rückgang war unter anderem eine Reaktion auf das seit Anfang 2022 in Deutschland gültige Verbot des Tötens männlicher Küken, was seinerseits die Eierpreise bereits um 2 Cent je Ei hat ansteigen lassen. Dem Lebensmitteleinzelhandel könnten daher im neuen Jahr bestimmte Eier zeitweise im Sortiment fehlen.

Teure Legehennen und Futtermittel lassen Eierpreise steigen

Mit 83 Prozent haben Eier im Vergleich zu anderen Lebensmitteln eine extrem hohe Käuferreichweite. Bodenhaltungseier haben sich um rund 20 Prozent verteuert, Bioeier hingegen lediglich um rund 7 Prozent. Für zehn Bodenhaltungseier mussten Verbraucher im dritten Quartal 2022 im Durchschnitt nur rund 2,09 Euro zahlen, für zehn Bioeier hingegen rund 3,66 Euro. Lagen die Eierpreise Anfang des Jahres noch unter dem Niveau von 2020, so explodierten diese ab Kalenderwoche 10 und stagnierten den Sommer über auf hohem Niveau. Zum Jahresende wurden noch einmal erhebliche Preissteigerungen verzeichnet und letztlich neue Rekordwerte erreicht, die sogar die Preise zu Zeiten des Fibronilskandals überstiegen. So lag der Preis für 100 Eier der Klasse M 8 Euro über Vorjahresniveau. Die Ursache dafür liegt im anhaltenden Geflügelpestgeschehen, einhergehend mit einer Verringerung des Legehennenbestandes in Deutschland und Europa, sowie in den gestiegenen Futtermittelkosten begründet. Vor diesem Hintergrund und der Aussicht auf keinen nennenswerten Rückgang der Futtermittelpreise haben viele Betriebe ihren Tierbestand bereits reduziert.

Keine Überschwemmung des Marktes durch ukrainische Eier

Angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine machte die EU zum Zwecke der Entlastung der ukrainischen Produzenten zum 4. Juni 2022 einen Zollsatz von 0 Prozent u. a. für Eierimporte geltend. Vorher hatte es eine Quotenregelung gegeben, die die Importe limitierte. Seit der Einführung dieser Neuerung sind die Importe von ukrainischen Eiern in die EU deutlich gestiegen. Deutschland importiert aktuellen Daten von eurostat zufolge kaum Eier aus der Ukraine – dafür aber Niederlande, Polen und Lettland. Zur Einordnung dieser Informationen sei erwähnt, dass die EU Nettoexporteur von Eiern ist und der Selbstversorgungsgrad aktuell bei 105 Prozent liegt. Zwar steigen derzeit die Importe aus der Ukraine, die Importe aus dem UK und den USA sind jedoch deutlich zurückgegangen und liegen bislang unter Vorjahresniveau. Von einer Überschwemmung des Marktes mit ukrainischen Eiern kann demnach nicht die Rede sein.

Kommentar

Die Vogelgrippe wird nur durch Impfung beherrschbar sein!

Die Ausbrüche der Aviären Influenza (AI) in Deutschland, Europa und darüber hinaus haben dramatische Ausmaße angenommen. Das Virus mit zoonotischem Potenzial tritt nicht mehr nur saisonal von Oktober bis April auf, sondern ist in Deutschland inzwischen endemisch geworden. So wurden auch in diesem Sommer – vor allem küstenorientiert – massenhaft Fälle bei Wildvögeln gemeldet und damit assoziiert auch Ausbrüche in Geflügelhaltungen. Die vonseiten der Landwirtschaft umgesetzten höchsten Biosicherheitsmaßnahmen reichen allein nicht mehr aus, um dieser Tierseuche Herr zu werden. Als zweite Schutzebene muss die Entwicklung eines Impfstoffes für Nutzgeflügel noch stärker forciert werden. Die Impfung gegen AI ist in Europa bislang gesetzlich verboten. Die Bundesregierung ist angehalten, auf nationaler und EU-Ebene den Rechtsweg hierfür zu ebnen. Die Zeit bis zur Zulassung wirksamer Vakzine müssen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft nutzen, um eine gemeinsame Impfstrategie zu erarbeiten. Ziel muss es zukünftig sein, geimpfte Herden trotz angeordneter Aufstallungspflicht weiterhin offiziell im Freiland halten zu können.

© Foto: Landvolk Niedersachsen

Ulrich Löhr ist Vizepräsident des Landvolk Niedersachsen Landesbauernverbandes e. V. und Vorsitzender des DBV-Fachausschusses Eier und Geflügel