Stickstoffdünger, der Schlüssel für Ertrag und Qualität nahezu aller Ackerkulturen, ist unmittelbar vom Gaspreis und von Importen aus politisch instabilen Regionen abhängig.
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Wie der Nahost Konflikt Dünger verteuert, Ernten gefährdet und die Politik unter weiteren Handlungsdruck setzt

Der eskalierende Konflikt im Nahen Osten wirkt längst weit über die Region hinaus und trifft die europäische Landwirtschaft an einer ihrer empfindlichsten Stellen: bei Energie und Düngemitteln. Blockierte Handelsrouten, beschädigte Exportinfrastruktur sowie stark steigende Gaspreise setzen die globalen Märkte unter massiven Druck. Was zunächst als geopolitische Krise begann, entwickelt sich zunehmend zu einem handfesten Kosten- und Versorgungsrisiko für landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland und Europa.

Gasabhängig und unersetzbar: Stickstoff ist Achillesferse der Ernten

Düngemittelpreise reagieren besonders sensibel auf diese Entwicklungen. Stickstoffdünger, der Schlüssel für Ertrag und Qualität nahezu aller Ackerkulturen, ist unmittelbar vom Gaspreis und von Importen aus politisch instabilen Regionen abhängig. Gleichzeitig schrumpfen die Handlungsspielräume der Betriebe: Anders als bei Investitionen oder Betriebsmitteln lässt sich der Einsatz von Stickstoff nicht beliebig verschieben oder aussetzen, ohne spürbare Folgen für Erträge, Qualitäten und letztlich die Versorgungssicherheit zu riskieren.

Jetzt Weichen stellen für Versorgungssicherheit und Resilienz

Vor diesem Hintergrund stellt sich dringender denn je die Frage, wie robust die aktuelle Versorgungslage tatsächlich ist, wie stark weitere Preissteigerungen ausfallen könnten und ob politische Entscheidungen – auf nationaler wie auf europäischer Ebene – die Lage zusätzlich verschärfen oder gezielt entschärfen. Dabei geht es nicht nur um kurzfristige Entlastung, sondern auch um strategische Weichenstellungen: um Importabhängigkeiten, industriepolitische Rahmenbedingungen und die Frage, wie viel Resilienz die europäische Agrar- und Düngemittelversorgung künftig haben soll.

FAQ zu Energie- und Düngemittelpreisen

Die folgenden häufig gestellten Fragen und Antworten zielen darauf ab, die Auswirkungen der aktuellen geopolitischen Entwicklungen auf Preise, Verfügbarkeit, Ernten und Verbraucherpreise einzuordnen und deutlich zu machen, wo aus Sicht des Deutschen Bauernverbandes akuter Handlungsbedarf besteht.

Welche ganz konkreten Konsequenzen hat der Iran-Krieg auf die deutsche Landwirtschaft?

Die Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs trifft die deutsche Landwirtschaft in einem ackerbaulich kritischen Moment. Die Frühjahrsbestellung ist in vollem Gange; Feldarbeit und Düngung sind zeitgebunden und können nicht verschoben werden. Die massiv gestiegenen Preise für Diesel und Düngemittel schnüren der Landwirtschaft die Luft ab. Die Situation ist vergleichbar mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 – mit dem Unterschied, dass die deutsche Landwirtschaft diesmal in einer ohnehin angespannten wirtschaftlichen Lage getroffen wird. Die Betriebe stehen im dritten Jahr mit enger Kostenkalkulation, gleichzeitig ist bei den Erzeugerpreisen keine Bewegung nach oben zu sehen.

Wie stark sind die Preise bereits gestiegen? Wie weit können sie noch steigen? Welche Düngemittel sind besonders betroffen und warum?

Mineraldünger hat sich auf den Weltmärkten seit Jahresbeginn um rund 30 bis 40 Prozent verteuert. Die Abgabepreise an die Landwirte in Deutschland liegen aktuell 15 bis 30 Prozent über dem Vorjahresmonat, was an der europäischen Beschaffungsstruktur und der teilweisen Vorabeindeckung liegt. Eine weitere Verteuerung ist bei anhaltendem Konflikt nicht auszuschließen.

Besonders betroffen sind Stickstoffdünger, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist ihre Herstellung extrem energieintensiv und direkt an den Gaspreis gekoppelt. Zweitens passieren rund 35 Prozent des weltweit gehandelten Harnstoffs die Straße von Hormus. Die Golfstaaten – Katar, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Iran – produzieren fast die Hälfte des globalen Harnstoffs und rund 30 Prozent des Ammoniaks. 

Verschärfend kommt hinzu, dass anders als bei Phosphat oder Kali eine Düngepause als Notmaßnahme bei Stickstoff auf gar keinen Fall möglich ist. Stickstoff muss in jeder Saison ausgebracht werden – er ist der Schlüsselnährstoff für Ertrag und Qualität.

Drohen neben Preissteigerungen auch physische Engpässe? Wie ist die aktuelle Bevorratungssituation der Betriebe – haben sich Landwirte im Vorjahr eingedeckt, oder muss jetzt nachgekauft werden?

Derzeit erscheint eine physische Verknappung in Deutschland eher unwahrscheinlich. Durch die schweren Zerstörungen könnten die LNG-Exporte aus der Golfregion noch über einen längeren Zeitraum reduziert sein, was sich auch auf die Weltmarktpreise für Gas und schließlich Düngerpreise auswirken würde. Denn Gas macht 70 bis 90 Prozent der variablen Produktionskosten bei Stickstoffdünger aus.

Ein großer Teil des benötigten Düngers wurde bereits vor der aktuellen Krise vertraglich gebunden. Allerdings bleibt in der Regel immer eine nicht unerhebliche Restmenge, die erst dann gekauft werden kann, wenn klar ist, wie die Frühjahrsaussaat genau aussieht und ob die Bestandsentwicklung der Feldkulturen eine zusätzliche Düngergabe notwendig und sinnvoll erscheinen lässt. Hier schlagen die gestiegenen Preise voll durch.

Auch bei den Düngemitteln, speziell beim notwendigen Stickstoffdünger brauchen wir dringend preissenkende Maßnahmen. Wir benötigen eine zeitweise Aussetzung des CO₂-Grenzausgleichs (CBAM) für Dünger und eine Preisbeobachtung für Düngemittel.

– DBV-Präsident Joachim Rukwied am 13.04.2026, nachdem er die Entscheidung der Koalition begrüßt hat, die Energiesteuer zeitweise auf Diesel und Benzin zu senken.

Sind Ernten in Gefahr? Welche Kulturen sind besonders betroffen? Drohen Ertragseinbußen oder gar Ausfälle?

Wird bei einzelnen Fruchtarten zurückhaltender mit dem Einsatz von Dünger umgegangen, folgen Einbußen bei Qualität und Menge. Betroffen wären vor allem die stickstoffintensiven Kulturen: Winterweizen, Winterraps und Zuckerrüben. Komplette Ernteausfälle aufgrund gestiegener Düngerpreise sind derzeit unwahrscheinlich. Ein Rückgang der Qualitäten, würde sich aber in niedrigeren Erlösen niederschlagen.

Wäre eine Rückkehr zu mehr russischen Düngemittelimporten denkbar oder sinnvoll? Sollte die EU die seit Juli 2025 geltenden Zölle auf russische Dünger lockern oder daran festhalten?

Die EU muss anerkennen, dass in Bezug auf die Düngemittelverfügbarkeit der gleichzeitige Wegfall von Golf-Lieferungen und die Zölle auf russische Importe die europäische Landwirtschaft in eine ernste Lage bringen, die kurzfristig Lösungen erfordert. Die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln in Europa muss dauerhaft sichergestellt werden, hier muss die Politik gezielt und wirksam handeln.

Woher kann Deutschland alternativ importieren? Wie lässt sich die heimische Produktion stärken und absichern?

Die naheliegendsten Alternativen für Stickstoffdünger sind Ägypten und Algerien, die bereits heute wichtige Lieferanten für Europa sind, sowie die USA und Kanada. Allerdings hat die Hormus-Blockade auch dort zu Preisanstiegen von über 20 Prozent geführt, weil Käufer aus der ganzen Welt gleichzeitig auf dieselben Märkte ausweichen. Die Kapazitäten sind insgesamt aber begrenzt.

Die heimische Produktion ist durch die hohen europäischen Gaspreise und die Belastungen durch den Emissionshandel unwirtschaftlich geworden. Hier braucht es eine industriepolitische Antwort: Wenn Europa bei Düngemitteln strategische Souveränität will, müssen die Rahmenbedingungen für die heimische Ammoniakproduktion verbessert werden – sei es durch Ausnahmen beim ETS, durch Förderung von grünem Ammoniak oder durch den Aufbau strategischer Düngemittelreserven nach dem Vorbild der Erdölreserven.

Werden Lebensmittel (insb. Back- und Teigwaren) spürbar teurer? Welche Produkte, wann, in welchem Umfang?

Das, was die Verbraucher zeitnah an der Supermarktkasse spüren werden, ist der Preisanstieg, der durch die Verteuerung der Energie insgesamt zustande kommt. Zwischen dem Feld, auf dem eine Kartoffel wächst, und dem Teller, von dem sie einmal gegessen wird, liegt eine lange Wertschöpfungskette und an jeder Stelle sind die gestiegenen Energiepreise zu spüren.

Die höheren Düngerpreise sind ein vermutlich kleiner Teil der Verbraucherpreissteigerung im Vergleich zu den Energiepreisen. Für die Landwirte selbst hingegen sind sie ein erheblicher Kostenfaktor, der sich unmittelbar auf die Wirtschaftlichkeit ihrer Betriebe auswirkt. Bei Back- und Teigwaren könnte der Effekt etwas deutlicher ausfallen, weil hier die Getreidequalität – und damit die Stickstoffdüngung – eine unmittelbare Rolle spielt.

Was fordert der DBV?

Was kann die Politik tun, um Betriebe kurzfristig zu entlasten?

Bei den Düngemittelpreisen gibt es keinen einfachen politischen Hebel – die Preise bilden sich auf dem Weltmarkt, und eine direkte Subventionierung ist ordnungspolitisch anspruchsvoll und benötigt mehr Zeit. Was die Politik aber sofort tun kann, ist die Kostenseite dort zu entlasten, wo es in ihrer Hand liegt: bei der Energie. Eine temporäre Reduzierung der Energiesteuer und die Aussetzung der CO₂-Bepreisung auf Diesel für die Dauer der Krise wären schnell wirksame Signale.

Darüber hinaus braucht es einen Preisbeobachtungsmechanismus für Düngemittel mit klaren Schwellenwerten, ab denen Entlastungsmaßnahmen greifen. Auf europäischer Ebene muss die Kommission den seit Januar 2026 geltenden CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) für Düngemittel zumindest zeitweise aussetzen – er verteuert Importe zusätzlich und trifft am Ende nicht die Industrie, sondern die Landwirte. Und schließlich auch die Verbraucher, denn die Kostensteigerungen müssen sich in höheren Erzeugerpreisen widerspiegeln. Die Landwirtschaft braucht faire Preise für ihre Produkte.

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