Kohlendioxid-Minderung als Gemeinschaftsaufgabe: Wie Molkereien - Beispiel frischli – Klimaprogramme umsetzen
Die Molkerei frischli hat im Jahr 2022 damit begonnen, umfassende CO2-Datenerhebungen auf Milcherzeugerebene durchzuführen. Schon bald wurde klar, dass die Klimabilanzierung und die Schritte zu einem Treibhausgasemissionsminderungsprogramm sowohl für die Molkerei als auch für die Landwirtschaft einem fortlaufenden Entwicklungsprozess unterworfen sein werden. Im Vorfeld der ersten Erhebungen wurde sowohl die Einführung als auch die inhaltliche Ausgestaltung des Programms gemeinsam mit dem Milcherzeugerausschuss Rehburg e. V. (MiErz) abgestimmt und ausgearbeitet. Der MiErz hat bei frischli eine wichtige Bedeutung und stellt u. a. die Interessenvertretung der Milcherzeugerinnen und Milcherzeuger gegenüber der frischli Milchwerke GmbH in Rehburg sicher. Die Vertreterversammlung besteht aus ca. 50 Landwirtinnen und Landwirten, die in den norddeutschen frischli Regionsversammlungen gewählt wurden. Die Vertreterversammlung des MiErz wählt einen eigenen Vorstand.
Klimaschutz als Erfolgsfaktor
Das Klimaprogramm ist für frischli von zentraler Bedeutung, da die konsequente Optimierung und Minimierung des CO₂‑Ausstoßes künftig ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist. Dies entspricht nicht nur den eigenen Nachhaltigkeitszielen, sondern auch den steigenden Erwartungen unserer Kunden aus Industrie, Foodservice und Lebensmitteleinzelhandel. Insbesondere international agierende Unternehmen haben sich globalen Initiativen wie der SBTi, dem Supplier Dairy Partnership (SDP) oder der Dairy Sustainability Framework (DSF) angeschlossen und erwarten von ihren Lieferanten konkrete Maßnahmen zur Treibhausgasbilanzierung sowie zur systematischen Reduktion von Emissionen.
Zugleich wird es für die Landwirtschaft und insbesondere für rinderhaltende Betriebe immer notwendiger, Sprechfähigkeit hinsichtlich der Klimawirkung der Milcherzeugung und Rinderhaltung herzustellen. Deshalb kommt der Zusammenarbeit zwischen Molkerei und den landwirtschaftlichen Betrieben zukünftig eine noch größere Bedeutung zu.
Masterarbeit entwickelt Anreizprogramm für Milchlieferanten
Um den Themenkomplex CO2-Bilanzierung und Entwicklung einer Roadmap für einen Minderungspfad auf Erzeugerebene praxisnah zu verknüpfen, wurde bei frischli im Rahmen einer Masterarbeit, die durch die Georg-August-Universität Göttingen, Fakultät für Agrarwissenschaften, betreut wurde, ein Anreizprogramm für Milchlieferanten entwickelt. Ziel war es, eine möglichst breite Beteiligung bei der Klimadatenerfassung zu erreichen und zugleich möglichst anerkannte, gut verifizierbare und skalierbare Minderungsprojekte in die Fläche zu bringen.
Als Grundlage für die CO2-Klimadatenerhebung auf Erzeugerebene dient das Erfassungstool des Dienstleisters FoodChain.Services GmbH, welches über die Klimaplattform Milch mittlerweile von zahlreichen Molkereien genutzt wird. Die Berechnung der Klimadaten erfolgt bundesweit harmonisiert über den Rechner der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL).
Die Betreuung der Dateneingabe, die Unterstützung der landwirtschaftlichen Betriebe bei der Datenerfassung und die nachfolgenden Plausibilitätsprüfungen erfolgen durch zwei Mitarbeiter der frischli Landwirteabteilung. Zudem wird die Gesamtheit der berechneten Daten je Standort und im Gesamtunternehmen ausgewertet.
Die Daten aus dem Erhebungszeitraum des Geschäftsjahres 2022/23 dienten als Grundlage für die Entwicklung eines Anreizmodells, welches zum einen die Datenerfassung für die Folgejahre sicherstellen und zum anderen das Interesse an der Umsetzung von Treibhausgasminderungsprojekten wecken soll. Betriebe, die eine vergleichsweise effiziente und klimaschonende Milcherzeugung hatten, sollten honoriert werden und gleichermaßen sollten Betriebe, auf denen noch Effizienzsteigerungen möglich sind, motiviert werden, maßgeschneiderte Maßnahmen umzusetzen.
Dreistufiges Anreizsystem etabliert
Im Rahmen der Masterarbeit und in der Diskussion mit den Vertretern des Milcherzeugerausschusses wurde deutlich, dass ein neu einzuführendes Programm ein dreistufiges Anreizsystem bieten sollte. Neben der reinen Treibhausgasminderung sollten die Maßnahmen leicht umsetzbar sein und zugleich praktische Vorteile für die Betriebe bringen.
1. Honorierung wiederkehrender Bereitschaft der Betriebe zur Datenerfassung
Die jährlich wiederkehrende Bereitschaft zur Datenerfassung wird mit einer festen Kostenpauschale honoriert. Somit konnte schon während der ersten CO2- Datenerfassung erreicht werden, dass sich fast 70 % der frischli -Betriebe beteiligt haben und somit nahezu 80 % der angelieferten Milch bilanziert wurden.
2. CO2-Staffelsystem bietet Anreiz zur Identifizierung von Treibhausgasminderungspotenzialen
In der zweiten Stufe wurde ein CO2-Staffelsystem erstellt, welches dazu dient, bereits überdurchschnittliche Betriebe zu belohnen. Zudem soll das System weitere Anreize setzen THG-Minderungspotenziale zu identifizieren, mit dem Ziel, hierdurch zukünftig in eine attraktivere Staffelgruppe eingruppiert zu werden und zugleich im Idealfall Effizienzverbesserungen auf den Betrieben zu erzielen.
3. Betreute und anschubfinanzierte Treibhausgasminderungsprojekte
In der dritten Stufe wurden Betriebe, die in der ersten Erhebung keinen CO2-Zuschlag erreicht haben, durch ein betreutes und anschubfinanziertes Treibhausgasminderungsprojekt in die Lage versetzt, für zukünftige Datenerhebungen bessere Treibhausgasbilanzen durch verifizierbare Treibhausgasminderungsmaßnahmen zu erreichen.
In der ersten Programmphase 2025/2026 hat frischli für ca. 30 Betriebe die Koordination und die Kosten für den Einsatz des Gülleadditivs übernommen. Die CO2-Klimadatenerhebungsphase auf Grundlage des Betrachtungszeitraumes 2024/2025 läuft derzeit. Das Programm wird in seinen beschriebenen Grundsätzen weitergeführt.
Im Jahr 2026 sollen ergänzend zum Programm zur Unterdrückung der Methanbildung während der Güllelagerung drei weitere Angebote zur CO2-Minderung in Form von Pilotprojekten für interessierte Landwirtgruppen angeboten werden:
- Projekt 1: Fütterung (ca. 35 % Anteil am CO2-Fußabdruck) - Effizienzsteigerung in Milchviehbetrieben
- Projekt 2: Remontierung (ca. 19 % Anteil am CO2-Fußabdruck) - Optimierte Kälberaufzucht
- Projekt 3: Futterbau (zukünftig Teil der Klimabilanz) - Boden & Ertrag im Fokus
Alle drei Angebote werden in Form von Piloten hinsichtlich Umsetzbarkeit, Verifizierbarkeit, Bilanzierbarkeit und Skalierbarkeit geprüft und bewertet.
Aus der Praxis für die Praxis - Wertschöpfung für alle
Das dargestellte CO2-Minderungsprogramm ist ein Programm, das sich aus der Praxis für die Praxis entwickeln soll. Gleichzeitig soll es ein Angebot an unsere Kunden sein, indem frischli gemeinsam mit den Milcherzeugerinnen und -Erzeugern unter realistischen Bedingungen Minderungsprogramme anbietet, die vom Anfang der Kette her gedacht werden, um sie dann an die nachfolgenden Stufen „wertschöpfend“ weiterzugeben. Gleichzeitig arbeitet frischli auf Stufe der Verarbeitung und Auslieferungslogistik an Transformationskonzepten und der Entwicklung eines Umweltcontrollings, welches dann die Potenziale aus den unterschiedlichen Stufen bis zum Kunden zusammenführt.